Knöchelhalt oder Ultralight?

 Es gibt unter Wanderern zwei Fraktion:

  1. Die Traditionalisten schwören auf relativ feste Schuhe mit einem knöchelhohen Schaft. Der Schaft soll nicht nur in unebenem Gelände Schutz vor dem Umknicken bieten. Er soll auch dem gesamten Bewegungsapparat beim Tragen eines Rucksacks mehr Stabilität bieten.
  2. Die Ultralight-Wanderer glauben, dass ein Schuh vor allem leicht sein sollte. Deswegen gibt es viele Ultralight-Wanderer, die mit Halbschuhen, oft einfachen Multifunktionsschuhen, unterwegs sind.

Die Frage ist nun: Wer hat Recht?

Die Antwort ist nicht ganz einfach, vielleicht sogar unmöglich, denn es gibt viele Faktoren, die berücksichtigt werden müssen.

Deswegen zunächst einmal die Fakten:

Traditionelle Wanderschuhe mit knöchelhohem Schaft haben sich bewährt. Diese Grundform des Wanderschuhs ist aus den Bergschuhen entstanden, die zwie- oder trigenäht sind und auch heute noch sehr populär sind. Aber die Entstehungsgeschichte zeigt schon, dass die knöchelhohen Wanderschuhe im anspruchsvollen Gelände beheimatet sind. Es ist bereits ein großer Unterschied, ob ein Wanderer auf einem ebenen und vielleicht sogar geteerten Weg unterwegs ist, oder ob er auf einem Trampelpfad bergauf und bergab marschiert.

Grundsätzlich lässt sich, wohl auch ohne ernsten Widerspruch aus der Ultralight-Fraktion, feststellen, dass knöchelhohe Wanderschuhe mit einer robusten Konstruktion gut funktionieren. Die Frage ist aber, ob die traditionellen Wanderschuhe immer die beste Wahl sind oder ob es nicht auch bessere Lösungen geben könnte.

Was für Ultralight-Wanderschuhe spricht

  • Niedriges Schuhgewicht

Wenn Sie schon einmal mit massiven Bergschuhen unterwegs waren, wissen Sie, dass die Schuhe nicht nur sehr stabil, sondern auch sehr schwer sind. Dieses Argument ist nicht mehr ganz so schlagend bei modernen Wanderschuhen, die in der Regel leichter sind als die Klassiker aus Leder. Die leichteste Lösung sind aber einfache Multifunktionsschuhe. Sie müssen immer bedenken: Beim Wandern müssen Sie zunächst einmal immer die Schuhe bewegen. Je leichter die Schuhe sind, desto angenehmer ist das Gehen. Ihre Kondition hält länger und Sie können weitere Strecken zurücklegen.

  • Exzellenter Tragekomfort

Gut sitzende Wanderschuhe haben einen sehr guten Tragekomfort. Aber es kann kein Zweifel bestehen, dass leichte Multifunktionsschuhe noch angenehmer am Fuß sind. Ob sich bei langen Wanderungen die Robustheit der knöchelhohen Wanderschuhe auch in einem höheren Tragekomfort als in Turnschuhen niederschlägt, müssen Sie individuell für sich herausfinden. Es gibt für beide Aussagen zahlreiche Befürworter, aber keine absolute Wahrheit.

Was ist denn nun mit dem Knöchelhalt? Sinnvoll oder nicht sinnvoll?

Als Rüdiger Nehberg, der bekannte deutsche Abenteuer, in den 1970er und 1980er Jahren auf seine großen Expedition ging, war er meist in einfachen Turnschuhen unterwegs, obwohl ihm sämtliche Experten zu Wanderstiefeln rieten. Für Nehberg war es aber wichtig, leichte Schuhe zu haben, um beweglich und schnell zu sein. Die moderne Ultralight-Bewegung wird allerdings international mit dem Namen Ray Jardine, einem amerikanischen Bergsteiger, der Anfang der 1990er Jahre die Ultraleicht-Philosophie populär machte, verbunden.

Die Ultraleicht-Fans argumentieren, dass der Knöchelhalt auch in schweren Wanderschuhen nicht besonders groß wäre, sondern vor allem um Kopf des Wanderers vorhanden sei. Dem widersprechen die großen Wanderschuh-Hersteller und viele Wanderer, die davon überzeugt sind, dass der knöchelhohe Schaft in Kombination mit einem relativ schweren Schuh ihnen Stabilität und Sicherheit beim Wandern bringt. Angesichts der vielen Faktoren, die für eine wissenschaftliche Untersuchung berücksichtigt werden müssten (Gelände, Dauer, Konstitution, Wandererfahrung, Alter etc.) kann es nicht erstaunen, dass es bisher keine abschließende (wissenschaftlich) Antwort auf die Frage nach den optimalen Wanderschuhen gibt.

Welche Wanderschuhe soll ich denn nun kaufen?

Mit Wanderschuhen, die den traditionellen knöchelhohen Schaft haben, liegen Sie in der Regel nicht völlig daneben. Die meisten Ultraleicht-Wanderer haben mit diesen Wanderschuhen ihre ersten Erfahrungen gemacht und sind dann später umgestiegen.

Ein paar vorsichtige Tipps möchten wir Ihnen aber an dieser Stelle gerne geben:

Die Qualitäten eines Wanderschuhs mit knöchelhohem Schaft sind besonders vorteilhaft,

  • wenn der Rucksack schwer ist,
  • wenn der Weg anspruchsvoll ist,
  • wenn Ihr im Gebirge unterwegs seid,
  • oder abseits der ausgewiesenen Wege.

Die Qualitäten eines leichten Multifunktionsschuhs sind vorteilhaft,

  • wenn der Rucksack leicht ist,
  • der Weg nicht übermäßig anspruchsvoll ist,
  • die Wanderstrecke flach ist,
  • der Wanderweg in einem guten Zustand ist.

Beachten Sie bitte, dass die Ultraleicht-Wanderer selten mehr als 10 Kilo auf dem Rücken haben. Bei anspruchsvollen Trekkingtouren mit hohem Rucksackgewicht stößt die Ultralight-Idee irgendwann an ihre Grenzen.

Zum Schluss können wir Ihnen aber vor allem einen Rat geben:

Probieren Sie beide Varianten aus und schauen Sie, womit Sie sich wohler fühlen! Vielleicht ist für Sie auch eine Kombination ideal, so dass Sie bei schweren Bergwanderungen mit schweren Wanderschuhen unterwegs sind, während Sie bei leichten Wanderungen leichte Multifunktionsschuhe tragen. Lassen Sie sich nicht von den Traditionalisten, den Schuhherstellern oder der Ultralight-Fraktion einreden, es gäbe so etwas wie eine beste Lösung für alle Wanderer. Es gibt nur eine optimale Lösung für jeden einzelnen Wanderer und die muss jeder für sich selbst herausfinden.